Den Arbeitsmarkt vom Kopf wieder auf die Füße stellen

Viele Beschäftigte in IT-Berufen beklagen eine hohe Arbeitsauslastung, permanente Überstunden und Mehrarbeit. Eine halbwegs ausgeglichene Work-Life-Balance ist da vielfach kaum möglich und kommt eine größere Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsort dazu, steigt der für den Arbeitsplatz aufzubringende Zeitaufwand selbst für den kleinen Angestellten oftmals auf einen Manager-Arbeitstag mit 12, 14 oder mehr Stunden. Ich erinnere mich noch daran, dass es früher einmal Bestrebungen der Gewerkschaften zu weiteren Arbeitszeitverkürzungen gab, beispielsweise Forderungen nach der 35 Stunden-Woche. Obwohl Produktivität und Automatisation immer weiter zugenommen haben, arbeiten die meisten Arbeitnehmer aber bis heute 40 Stunden und mehr.

Ein erster Schritt der möglichen und auch notwendigen Arbeitszeitverkürzung könnte darin bestehen, dass man Arbeitnehmern die Möglichkeit gibt, Fahrtzeiten von ihrer Arbeitszeit abzuziehen. Schließlich berechnet ein Unternehmer die Kosten eines Arbeitsplatzes ja auch samt Kosten für Hardware, Software, Räumlichkeiten, Arbeitsmaterialien, Verwaltung / Buchhaltung etc.pp. Warum sollte da also nicht auch umgekehrt der Arbeitnehmer dazu berechtigt werden, allen mit seinem Arbeitsplatz verbundenen Aufwand per Arbeitszeitverkürzung zu verrechnen?

Unter dem Strich hätte eine solche Regelung viele Vorteile. Erstens würden mehr neue Arbeitsplätze entstehen, da zunächst ein Defizit entstünde, das mit neuen Arbeitskräften ausgeglichen werden müßte. Zweitens würden bei der Einstellung neuer Mitarbeiter grundsätzlich Bewerber aus der näheren Umgebung bevorzugt, was auch für das soziale Klima innerhalb des Betriebs und des Betriebsortes vorteilhaft wäre. Alternativ würden die Unternehmen innovative Arbeitsmodelle wie Telearbeit wieder verstärkt ins Auge fassen.  Drittens würde der ökologisch sowieso schädliche und ökonomisch absolut unvernünftige Pendler-Wahnsinn reduziert. Viertens hätten Familien und Paare wieder mehr Zeit für all die anderen Dinge neben der Arbeit, was zu einer immensen Steigerung der Lebensqualität führen würde.

Ich gebe zu, dass wir für solche innovative Reformen des Arbeitsmarkts aktuell die falsche Regierung haben und die meisten Parteien im Parlament jenseits von Grünen und Linkspartei würden darüber ihre größtenteils von Arbeitgeberverbänden und Wirtschaftslobbyisten korrumpierten Köpfe schütteln würden. Schließlich hat man ja seinerzeit Dank Rot-Grün und den Hartz-Gesetzen erst einen riesigen Niedriglohnsektor geschaffen, den Arbeitnehmern jeglichen Gedanken an Arbeitszeitverkürzung mit der ständig geschürten Angst vor Entlassungen ausgetrieben und von freiwilliger Mehrarbeit profitiert sowie die Kosten eines Arbeitsplatzes, z.B. mit den Gesundheitsreformen, verstärkt auf den Arbeitnehmer abgewälzt.

Die Frage lautet jedoch, wie lange die Menschen noch bereits sein werden, so viel Zeit ihres Lebens für den Broterwerb aufzuwenden und sich dafür überholten Produktionsbedingungen zu unterwerfen, die an die Anfänge der Industrialisierung oder gar an römische Galeeren erinnern. Irgendwann werden die Menschen sich die Frage stellen, ob sie arbeiten um zu leben oder nur noch leben um zu arbeiten. Wer dann als Unternehmen zu diesem Thema keine Joker im Ärmel hat, wird sich getrost auf massive Abwanderungen zu innovativeren Unternehmen einstellen müssen. Dann werden die Galeeren untergehen und wenn wir Glück haben, sind wir spätestens dann auch endlich ahnungslose Dummschwätzer wie Guido Westerwelle (FDP) los, der zuletzt dummfrech Erwerbslosen und Niedriglöhnern spätrömische Dekadenz unterstellte.

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Datum: Freitag, 19. März 2010 22:08
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